Fachdarstellung Griechisch

τὰ ἑλλενικά – διὰ τί

τὰ ἑλλενικά – διὰ τί; Warum eigentlich nicht (Alt-) Griechisch? Warum nicht gleich Keilschrift oder Bellen?

Gemäß diesem Motto bietet das Quirinus-Gymnasium im Differenzierungsbereich der Mittelstufe ab Klasse 8 das Fach „(Alt-) Griechisch“ an und setzt damit als altsprachlich-humanistisches Gymnasium mit über vierhundertjähriger Tradition innerhalb der Neusser Schullandschaft Akzente. Das Fach „Griechisch“ wird in den Jahrgangsstufen 8 bis 12 dreistündig unterrichtet und kann auch als ordentliches schriftliches oder mündliches Abiturfach belegt werden.

Das staatliche Graecum wird nach vierjährigem Griechischunterricht bei mindestens ausreichenden Leistungen am Ende der Jahrgangsstufe 11 verliehen. Da das Graecum nur noch an sehr wenigen Gymnasien in NRW abgelegt werden kann, stellt es eine wertvolle zusätzliche Qualifikation auf dem Arbeitsmarkt dar, aber auch eine formale Zugangsvoraussetzung für manche Studiengänge (z.B. Griechisch, Latein, Theologie, ggf. Alte Geschichte, Philosophie und Archäologie).

Griechisch – eine tote Sprache? Die Fachschaft „Griechisch“ muss diese Gleichsetzung entschieden verneinen, denn Griechisch lebt weiter, und zwar nicht nur im Fachchinesisch der Optiker, Chirurgen, Therapeuten, Psychiater, Psychologen, Anästhesisten, sondern auch in einer Vielzahl von Alltagsbegriffen:

Warum hat die Schule nichts mehr mit Freizeit und Muße zu tun? Müssen wir am Gymnasium eigentlich alle nackt sein? Warum hat die Theorie gegenüber der Praxis im Unterricht allzu häufig Vorrang? Muss jeder Physiker wegen des Energieerhaltungsgesetzes Griechisch lernen? Warum sind Lehrer eigentlich immer so kritisch?

Neben dem Fortwirken der griechischen Sprache vermittelt das Fach „Griechisch“ überfachliche Kulturtechniken – exemplarisch genannt seien eine vertiefte Lesekompetenz und Analysefähigkeit. Mit deren Beherrschung sind die Schülerinnen und Schüler befähigt, sich in einer zunehmend rascher verändernden und komplexeren Welt zurechtzufinden – eine wichtige Kompetenz, da Bereitschaft zu lebenslangem Lernen heutzutage eine unabdingbare Grundvoraussetzung im Berufsalltag darstellt.

Die Griechen als Urväter des Philosophierens versprühten überdies eine spürbare Lust am Formulieren, Disputieren und Spekulieren, die sich in rhetorischen und analytischen Techniken niederschlägt, die auch in unserer modernen Kommunikationsgesellschaft einen hohen Stellenwert beanspruchen.

Da im Griechischen mit großem Wortaufwand ausdifferenziert und nuanciert wird, schärft die Begegnung mit diesem sehr offenen Sprachsystem auch die Nuancierungs- und Differenzierungsfähigkeit im Deutschen – ein Synergieeffekt, der sich positiv auf die mündliche und schriftsprachliche Ausdrucksfähigkeit im Deutschen auswirkt. Warum also nicht Griechisch?

Γνῶθι σαυτόν. Der Altphilologe Bruno Snell sprach von der „Entdeckung des Geistes bei den Griechen“. Diese Entdeckung können die Schülerinnen und Schüler in einer Phase ihrer Entwicklung machen, in der sie zunehmend über Grundsätzliches reflektieren. Indem sie so zu einem zugleich kritischen und offenen Umgang mit der Welt und allem Neuen und Fremden geführt werden, trägt der Griechischunterricht wesentlich zur Persönlichkeitsbildung bei – einem auch auf dem modernen Arbeitsmarkt anerkannten Qualitätsmerkmal.

Durch die betreute Teilnahme an altsprachlichen Wettbewerben wie dem Bundeswettbewerb Fremdsprachen und dem Certamen Carolinum werden leistungsstarke und begabte Schülerinnen und Schüler individuell gefördert. In den letzten Jahren konnten immer wieder Griechischschüler und – schülerinnen des Quirinus-Gymnasiums mit ihren Wettbewerbsbeiträgen prämiert werden.

Die starke Durchdringung unseres Lebens und unserer Kultur durch das Griechische setzt sich in der thematischen Orientierung des eingeführten Lehrbuches Kairos fort: In der Mittelstufe stehen spannende und altersgerechte Themen aus den Bereichen der Mythologie und Geschichte im Mittelpunkt. Dabei lenkt die Begegnung mit dem Mythos den Blick auf seine Rezeption in der europäischen Kultur und Kunst, wo er bis heute fruchtbar und lebendig ist, wie auch zeitgenössische Rezeptionen im Medium des Films (z.B. 300; Percy Jackson; Hercules) immer wieder zeigen. In der Oberstufe wird der Themenkanon auch noch um die Bereiche Geschichtsschreibung (Herodot), Epos (Homer) und Philosophie (Platon) erweitert. Dadurch machen die Schülerinnen und Schüler unmittelbar eine Erfahrung von Originalität, da sie den Anfängen des naturwissenschaftlichen Denkens und Philosophierens, den entstehenden Literaturgattungen, neuen politischen Organisationsformen und einer frühen Blüte von Kunst und Architektur begegnen. Schließlich ist das Griechische auch die Sprache des Neuen Testaments und der frühen christlichen Autoren.

Um die Begegnung mit der Antike anschaulich und lebendig zu gestalten, bindet die Fachschaft „Griechisch“ außerschulische Lernorte im Rahmen von Exkursionen, Museums- und Theaterbesuchen in den Griechischlehrgang ein (u.a. Die Frösche des Aristophanes in altgriechischer Sprache, 2014 an der Universität zu Köln). Daneben lässt sich im Rahmen der in einem zwei- bis dreijährigen Rhythmus stattfindenden Griechenlandfahrt Antike hautnah erleben – ein Highlight jeder Griechischkarriere.

„Graeca leguntur in omnibus fere gentibus“? Auch ohne den Wahrheitsanspruch dieses ciceronianischen Diktums überprüfen zu wollen, freut sich die Fachschaft Griechisch auf alle Griechischschüler und solche, die es werden wollen.


Griechenlandfahrt 2018 vom 10.10.2018

Griechenland – einmal querbeet in neun Tagen

Tatort: Breite Straße, Tatzeit: 7:00 Uhr morgens. Ein ganz normaler Mittwochmorgen vor den Herbstferien? – Nein, weit gefehlt. Denn lange vor dem regulären Unterrichtsbeginn sammelten sich 44 Graecophile der Jahrgangsstufen 9 – 12, darunter auch solche, die es noch werden wollten (oder gar sollten?), und warteten mit dickem Gepäck auf das Startsignal.

Die große Menge der versammelten bildungshungrigen Jugend mag erstaunen: Hat das Fach „Altgriechisch“ etwa einen unerwarteten Boom erfahren? Auch wenn sich das Fach allen Unkenrufen zum Trotze wacker im Fächerkanon des Quirinus Gymnasiums hält, so wurde der Personenkreis der Zugelassenen in diesem Jahr auch auf Interessierte aus affinen Fächern ausgeweitet – eine Entscheidung, die ursprünglich sicher dem Kostendruck und damit dem schnöden Mammon geschuldet war, die aber auch von mir als Organisatorin letztendlich nicht bereut werden musste. Denn das Griechisch-Virus konnte so doch den ein oder anderen noch befallen …! Tatkräftig wurde ich unterstützt von Herrn Tiex, unserem Fachmann für alles Historische, und Frau Schlinkmann, die ihre geballte sozialwissenschaftliche Kompetenz ins Rennen warf. Beiden Kollegen sei an dieser Stelle für ihren selbstlosen Einsatz auch in ihren Ferien gedankt.

Nach komfortablem Transfer zum Düsseldorfer Flughafen gab es direkt nach der Ankunft einen kurzen Moment der Pulsbeschleunigung: Eine Schülerin hatte in den Sommerferien einen Namenswechsel vornehmen lassen, diesen aber weder mir noch der Airline mitgeteilt und auch keine beglaubigte Kopie mitgeführt. Aber auch diese erste Hürde wurde dank der Kulanz der Airline-Mitarbeiterinnen erfolgreich gemeistert, sodass die Reise nicht abrupt bereits in Düsseldorf enden musste, was doch ein mehr als kurzes Vergnügen gewesen wäre ….

Auch wenn befremden mag, dass der ein oder andere Schüler bei der Sicherheitskontrolle mehr als sorgfältig durchleuchtet wurde – das Quirinus bürgte jedoch erfolgreich mit seinem guten Namen –, konnten schlussendlich alle Griechenlandfahrer im Flugzeug Platz nehmen, sodass wir gut drei Stunden später pünktlich in Thessaloniki landeten, wo wir auch direkt von einer Mitarbeiterin des Reiseunternehmens mit dem wohlklingenden Namen Asimenia in Empfang genommen wurden. Leider war unsere altbewährte Begleitung Maria in diesem Jahr nicht mehr verfügbar; da hieß es, sich mit einem neuen Gesicht vertraut zu machen, was für beide Seiten nicht immer ganz einfach war, wie sich im Nachhinein zeigen sollte. Davon aber später mehr …

Der Tag war noch jung und insofern weiteten wir den Bustransfer zum Hotel zu einer Stadtrundfahrt aus, deren wichtigste Station neben der Akropolis von Thessaloniki das Wahrzeichen der Stadt, der Weiße Turm, war, von dem aus wir einen ersten Eindruck auf das Häusermeer der Metropole, aber auch auf unser zentral gelegenes Hotel gewinnen konnten. Da die Wege kurz und der Abend mild waren, trotzte die gesamte Mannschaft dem ungewohnten Großstadtverkehr und machte sich zu Fuß auf in Richtung stimmungsvoll beleuchteter Hafenpromenade, wo die Schülerinnen und Schüler nach Lust und Laune flanieren und das mediterrane Flair genießen konnten. Unsere Versuche, auf dem Rückweg die Geltung von Ampelphasen wie gewohnt zu beachten, waren bei der Überquerung von Straßen bereits nach kurzer Zeit zum Scheitern verurteilt: Hier galt scheinbar das Recht des Stärkeren, was mit 44 Personen glücklicherweise häufig auf unserer Seite war …

Der ein oder andere feierfreudige Oberstufenschüler hätte die junge Studentenstadt mit ihrem regen Nachtleben sicher gerne noch ausgiebiger erkundet, doch gab es kein Pardon: Am nächsten Morgen stand die Weiterfahrt gen Kalambaka auf dem Programm. Erst galt es, die Enipea-Schlucht bis zum Highlight, einem Wasserfall, zu „durchwandern“ – wenn man bei einem ca. 30-minütige Fußmarsch auf ebenem Terrain diesen Begriff überhaupt verwenden darf – und uns auf dem Rückweg in dem idyllischen Dorf Lytochoros von den Höllenqualen – zumindest trifft dieses Wort den Gesichtsausdruck unserer nicht allzu sportaffinen Asimenia – des Fußmarsches zu erholen. Gelegenheit, echt griechische Lebensart abseits der Touristen-Hotspots kennenzulernen, boten die Cafés des Ortes, denen die Quirinus-Horde einen ungewohnten Einnahmeschub bescherte. Auch wenn unser Hotel in Thessaloniki als Namensgeber fungiert hatte, so mussten die berühmten Königsgräber von Vergina wegen eines Streiks gestrichen werden und konnten durch den Besuch eines Informationszentrums über den Nationalpark Olymp nur unzureichend kompensiert werden: Viele schöne großformative Naturaufnahmen, aber doch nicht allzu viel Informationsgehalt! – Insofern endete der zweite Tag nach einer Busfahrt durch die grandiose Landschaft Mittelgriechenlands in dem Städtchen Kalambaka, wo wir am Fuße der Meteora-Klöster Quartier in einem familiär geführten Hotel bezogen und dort den Abend ausklingen ließen.

Wie James Bond in seinem Film In tödlicher Mission erkletterten wir zwar nicht die Felswände der gleichsam schwebenden Meteora-Klöster, aber die ein oder andere Stufe galt es am nächsten Morgen zu meistern, um zumindest drei der 24 hochgelegenen Klöster zu besichtigen: Während für unsere männlichen Teilnehmer der Dresscode ein langes Beinkleid vorschrieb, so mussten die Schülerinnen, sofern sie nicht privat vorgesorgt hatten, ihre wohlgeformten Beine mit einem Wickelrock bedecken, der wohl nicht dem neuesten Schrei entsprach – besonders für die Hosenträgerinnen unter den Mädchen eine grenzwertige Erfahrung! Auch entblößte Schultern konnten den Argusaugen insbesondere der Nonnen nicht entgehen; da gab es kein Pardon! Entschädigt wurden wir innerhalb der Klostermauern neben dem grandiosen Ausblick auf die Felsnadeln mit prächtiger griechisch-orthodoxer Ikonographie und dem eigentümlichen Totenkult in Form aufeinander gestapelter Totenschädel ehemaliger Bewohner des Klosters.

Fast wäre unsere Gruppe auf der Rückfahrt unversehens geschrumpft, da sich ein Schüler angesichts der Flut von Reisebussen einer Seniorengruppe anschließen wollte und bereits in den fremden Bus eingestiegen war. Wenn der Blick immer auf das Handy-Display gerichtet ist, kann man ja schon einmal die Orientierung verlieren. Aber nach einem Rundumblick in ihm nicht bekannte Greisengesichter konnte dieser Irrtum rasch behoben werden. So tat eine Erholungspause von diesem Schock in dem Städtchen Kalambaka Not, wo sich die gesamte Mannschaft für die langwierige Fahrt quer durch Mittelgriechenland Richtung Delphi wappnen konnte.

Delphi, der Nabel der Welt! Hochgelegen am Fuße des Parnassgebirges thront das Orakelheiligtum inmitten der Bergmassive. Auch wenn wir uns nicht an die Pythia mit einem Bittgesuch wenden wollten, so taten wir es den Menschen der antiken Welt gleich und pilgerten ebenfalls an diesen weltberühmten Ort. Da von den acht Milliarden Menschen auf dieser Welt gefühlt die Hälfte davon Delphi einmal im Leben gesehen haben muss, bestimmt Angebot und Nachfrage die Qualität der Hotels in entscheidendem Maße: Als Schülergruppe mit bescheidenem Budget wurden wir in einem doch eher einfach gehaltenen Hotel einquartiert, deren Inhaber dort wohl schon seit Menschengedenken die Rezeption leiteten. Zumindest drängte sich dieser Eindruck angesichts ihres sehr, sehr fortgeschrittenen Alters weit jenseits der deutschen Rentengrenze auf. Aber welch‘ ein Bruch! WiFi auch an diesem Ort, an dem alle Modernisierungsmaßnahmen erfolgreich vorübergegangen waren. Unsere medial versierte Schülerschaft atmete sichtlich erleichtert auf, da dadurch die Abendgestaltung gerettet war! Denn die zwei Hauptstraßen des Ortes, die man hätte auf und ab flanieren können, boten wohl nicht dieselbe Erfüllung wie ein funktionstüchtiger Internetzugang. Schöne neue Welt!

Mitten in der Nacht trugen sich zudem seltsame Dinge zu: Schon Plinius berichtet von einem Spukhaus in Athen, aber er schien sich mit dem Ort vertan zu haben, denn im Hotel Castri treibt augenscheinlich ein Gespenst sein Unwesen, wovon eine Mädchengruppe, die im obersten Stockwerk einquartiert war, ein Liedchen zu singen wusste: Türen wurden ohne äußere Einwirkung verschlossen, zwischen die Tür gestellte Möbelstücke wurden wie von Geisterhand weggerückt ….  So war niemand traurig, dass die Weiterfahrt schon am nächsten Morgen bevorstand.

Vorher aber galt es das weltberühmte Orakelheiligtum zu erkunden, dessentwegen man die Strapazen der langen Busfahrt auf sich genommen hatte: Auch wenn den Griechischschülern die beiden Kouroi Kleobis und Biton bereits als Abbildung im Lehrwerk bekannt waren, so musste deren kolossale Größe in natura einfach beeindrucken. Obwohl nicht alle Mitreisenden den Reizen antiker Trümmer, die im Museum gehortet wurden, gleichermaßen erlegen waren und sich der ein oder andere vielleicht auch einen reinen Badeurlaub erhofft hatte, schloss sich direkt der Besuch des heiligen Bezirks unter Asimenias fachkundiger Führung an. Und schon wieder galt es zu ihrem Leidwesen, Höhenmeter zu machen. So kämpften wir uns im Strom der unzähligen Touristen an Schatzhäusern und Tempeln bis zum hochgelegenen Stadion voran, nur um im Anschluss wieder bergab zu steigen. Und nicht nur das: Zu ihrem Entsetzen wollten wir die anderthalb Kilometer zum Rundtempel der Athena Pronoia gar zu Fuß zurücklegen. Aber da uns eine lange Busfahrt bevorstand, setzte sich das Lehrpersonal mit Blick auf die körperliche Ertüchtigung der ihnen Anvertrauten durch. Καὶ οὕτως ἐγένετο.

Ein zweites Mal schien der Wille zur Dezimierung unserer Gruppe übermächtig zu werden, denn die Zählroutine beim Einsteigen in den Bus vor der Weiterfahrt zeigte einen Schüler zu wenig an. Sofort wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt: Besorgte Lehrkräfte durchkämmten erneut das Museum, schritten die bereits gegangenen Wege ab, Handynotrufe und Whats App-Nachrichten wurden seitens der Mitschüler abgesetzt. Leider vergebens, da es noch junge Leute gibt, die ihr Smartphone nicht im Dauerbetrieb, sondern ausgeschaltet bei sich führen. Nach einer schier endlos wirkenden Zeit der Ungewissheit: Der verlorene Sohn ward gefunden und hatte nur den Treffpunkt nicht mitbekommen; stattdessen war er schnurstracks wieder gen Hotel, dem Ausgangspunkt, zurückgelaufen!

Glücklicherweise stand für den Samstag nur noch die Weiterfahrt auf die Peloponnes auf dem Programm, sodass die Verzögerung zeitlich problemlos kompensiert werden und wir gegen Abend unser altbewährtes Hotel in dem Badeort Tolo beziehen konnten. Dort angekommen, leuchteten die Schüleraugen trotz Müdigkeit angesichts der Lage des Hotels direkt am Strand auf: Endlich Meer! Wie lange hatte man auf diesen Augenblick gewartet! Und so stürzten sich einige Mutige trotz mäßiger Temperaturen sofort in die Fluten – natürlich nur in stehtiefem Gewässer, um unsere Rettungsschwimmerin Frau Schlinkmann nicht bemühen zu müssen. Auch die direkt am Strand gelegene Taverne, in der das Abendessen serviert wurde, sorgte für Urlaubsfeeling, wenn es schon nicht das Essen war, dessen großzügige Reste der Schülertische am Lehrertisch gesammelt und ordnungsgemäß verzehrt wurden: Foodsharing par excellence!

Der Folgetag stand ganz im Zeichen einer Peloponnes-Exkursion, da die alte Königsburg Mykene mit dem berühmten Löwentor und den Kuppelgräbern, die Wellness-Oase Epidauros mit seinem Theater und die ehemalige Hauptstadt Nafplia mit der Palamidi-Festung „abgearbeitet“ werden sollten: Auch wenn die Palamidi-Festung aus venezianischer Zeit stammt, so habe ich bei meinen früheren Fahrten den Abstieg ins Städtchen als unvergesslich in Erinnerung behalten. Und so boten wir trotz der Warnungen unserer mehr als ängstlichen Asimenia – der Weg sei zu steil, zu anstrengend und zu gefährlich – gewillten Schülerinnen und Schülern an, mit uns zusammen die in die Felswände gehauenen Stufen bis zur Stadt hinabzusteigen. Einige Reiseführer geben an, dass es sich um exakt 999 Stufen handele, aber trotz der Zählversuche eines Schülers konnten wir diesen Mythos nicht verifizieren. Ein Mythos scheint nämlich die Multi-tasking-Fähigkeit des modernen Menschen zu sein: Denn besagter Schüler fand neben dem Zählen der Stufen auch noch zig Tausende von Fotomotiven, die es für die Nachwelt abzulichten galt, worunter seine Memorierfähigkeit notgedrungen leiden musste. Und man höre und staune: Alle, die dieses Wagnis eingegangen waren, erreichten wohlbehalten die 216 Meter tiefer gelegene Kleinstadt – scheinbar auch ohne sich körperlich überanstrengt zu haben. Als Erklärung mutmaßten wir, dass unsere griechische Reiseleiterin ansonsten ausschließlich betagtere Studiosos-Gruppen führt und deswegen mit der geballten Quirinus-Power einfach nicht gerechnet hatte.

Ein letzter Abend direkt am Meer, ein wehmütiger Blick hinaus in die idyllische Bucht von Tolo und schon musste ein letzter Ortswechsel vorgenommen werden, da es die Hauptstadt Griechenlands für den Rest der Reise zu erobern galt:

Quasi mitten auf dem Weg liegt aber Archäa Korinth und Akrokorinth, sodass wir es uns nicht nehmen ließen, sowohl Alt-Korinth als auch die Festungsruine Akrokorinth zu besichtigen. Nachdem wir im Tal bequem auf den Spuren des Apostels Paulus gewandelt waren, nahmen wir dieses Mal den Tipp Asimenias dankend an, uns per Bus zum Eingang der hochgelegenen Festungsruine Akrokorinth kutschieren zu lassen, da eine Tageswanderung auf den Tafelberg unser Zeitbudget gesprengt hätte. Aber auch vom Busparkplatz galt es noch Höhenmeter zu bewältigen, um das riesige Innengelände zu erkunden. Man hätte das weiträumige Areal wohl auch einen ganzen Tag lang nach Lust und Laune durchkämmen können, zumal kaum Touristen unterwegs waren. Aber die äußeren Zwänge überwogen.

Mit der Zeit im Nacken fuhren wir also von der Peloponnes gen Festland. Für einen kurzen Erfrischungsstopp am Isthmos von Korinth reichte die Zeit natürlich trotzdem, auch um uns gebührend von der Halbinsel verabschieden zu können. Je näher wir dem Großstadtmoloch kamen, desto reger wurde der Verkehr und schon von weitem begrüßte uns das unendlich scheinende Häusermeer Athens. Unsere Stadtrundfahrt erweckte vordergründig den Eindruck, in erster Linie dazu zu dienen, einen Vorgeschmack auf das Prinzip Stop-and-go zu gewinnen, aber sollte uns auch zu dem berühmten Panathenäen-Stadion bringen, welches immer wieder lohnende Fotomotive für die Pinwand im Sekretariatsflur bietet – besonders auf dem Siegertreppchen ließ es sich manche Schülerin und mancher Schüler nicht nehmen, einmal die Nr. 1 zu sein.

Direkt am Larissa-Bahnhof gelegen, konnte unser Hotel zwar nicht mit seiner guten Lage punkten, dafür aber mit einem hoch über dem Häusermeer gelegenen Dachpool, sodass sich der nächtliche Erkundungswille unserer Schutzbefohlenen zu unserer Erleichterung auch in Grenzen hielt. Denn nachdem Herr Tiex und ich – Warnungen seitens Einheimischer eingedenk – die nähere Umgebung vorab erkundet hatten und vom Drogenhandel bis zum Transvestitenstrich alles Menschliche, Allzumenschliche vorgefunden hatten, beschlossen wir, nur einen gemeinsamen Ausflug in das nächtliche Plaka-Leben anzubieten, zumal ein Großteil der Truppe abendliches Chillen auf der Dachterrasse mit WiFi ohnehin viel attraktiver fand als lange Fußmärsche Richtung touristisch geprägter Altstadt. Eine Ausnahme boten nur unsere volljährigen Abiturientinnen und Abiturienten, die bald zu den gern gesehenen Stammkunden einer unweit gelegenen Taverne zählten und nach der Verköstigung des ein oder anderen landestypischen Getränks sogar mit dem Wirt den Sirtaki tanzen durften.

Wer feiern kann, kann aber auch arbeiten: Gemäß dieser Devise wurde immer vollzählig zum Morgenappell angetreten – an dieser Stelle ein großes Lob an die Disziplin der Gruppe -, um nach dem Frühstück nicht nur den Hunger auf Süßes, sondern auch den Hunger auf Bildung zu befriedigen: Ein Tag stand ganz im Zeichen der Akropolis, zu der wir uns unter Massen an Touristen mühsam hocharbeiteten, um das obligatorische Erinnerungsfoto vor dem Parthenon zu schießen. Aber natürlich durften auch das Akropolismuseum, die Pnyx und die Stoa poikilé nicht zu kurz kommen. Als Kontrastprogramm diente der zweite Tag unseres Aufenthalts in Athen, an dem der postkartenreife Sonnenuntergang vor dem Poseidon-Tempel am Kap Sounion den Abschluss bildete. Vorher jedoch bot eine Badebucht auf dem Weg zum Kap die ideale Möglichkeit, um durch frisches Nass nicht nur mental, sondern auch körperlich erfrischt zu werden. Zwar war die Wassertemperatur dem Herbstbeginn entsprechend herausfordernd, was unsere Schülerinnen und Schüler aber keineswegs davon abhielt, sich wie auch in Tolo mutig in die Fluten zu stürzen. Und dabei wirkte das frische Meerwasser wohl dermaßen belebend, dass es sich einige nicht nehmen ließen, ihre neu erlernten Sirtaki-Kenntnisse praxisorientiert anzuwenden und dazu sogar noch quasi als Multiplikatoren zu wirken: Welch‘ ein Bild für die Götter, wenn halbstarke Jungs einträchtig das Tanzbein schwingen, beseelt nur von Weib und Gesang! (Der Wein musste ja vorschriftsmäßig draußen bleiben – zumindest hofften wir Lehrkräfte das!)

Und schon war schnellen Schrittes der Abflugtag genaht: Vormittags konnten noch die letzten Mitbringsel in Athen käuflich erworben werden, wenngleich das Nationalmuseum laut Lehrerschaft auch zu den unbedingt sehenswerten Hotspots der Metropole gehörte, sodass zumindest ein kurzer Rundgang durch die Räumlichkeiten des Museums bis zur Totenmaske des Agamemnon eingeplant wurde. Einige Abtrünnige zählten zwar schon die Minuten, die es bis zur ersehnten Freizeit im dämmrigen Dunkel des Museums zu überbrücken galt. Aber in dieser Hinsicht blieben wir hart: Kein Gymnasiast verlässt die Stadt, ohne die berühmte Totenmaske bewundert zu haben! Mission possible!

Und dann war es soweit: Der traurige Abschied von griechischer Lebensart stand unmittelbar bevor. Zuvor wurde jedoch am Flughafen noch für einen kurzen Moment des Schreckens gesorgt, da ein Schüler trotz unserer mehrfachen Aufforderung, beim Aussteigen alle persönlichen Gegenstände, also wirklich alle mitzunehmen, just bei Abfahrt des Busses unbefangen fragte, ob er seinen Rucksack denn auch mitnehmen solle. Man möge bedenken, dass sich in diesem Tagesrucksack alle persönlichen Wertgegenstände inclusive seines Ausweises befanden. Mir schwante schon eine unfreiwillige Verlängerung meines Griechenlandaufenthalts samt einem Abstecher zur deutschen Botschaft, aber ein olympiareifer Sprint eines Oberstufenschülers konnte Schlimmeres verhindern. So verlief der Rückflug reibungslos und am Abend konnten alle Kinder ihre Eltern glücklich und hoffentlich um viele Eindrücke und Erfahrungen reicher wieder in die Arme schließen. Ende gut, alles gut!

Anne-Christine Wünsche

[Fachvorsitzende Alte Sprachen]